Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland e. V.

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die Verlassen sind“

 Voll besetzte St. Michael Kirche

„Der Gedenktag wurde am 3. Januar 1996 durch Proklamation des Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt und auf den 27. Januar festgelegt. Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau, des größten Vernichtungslagers des Nazi-Regimes.

In seiner Proklamation führte Herzog aus:

»Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.«“[1]

 Unter dem Bibelspruch

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die Verlassen sind“

aus dem Buch der Sprüche Salomons, Kapitel 31, Vers 8, stand der Gedenkgottesdienst für politisch Verfolgte in der katholischen Kirche St. Michael in der Leeraner Altstadt.

In den Versen 31,1-9 mahnt und unterweist die Mutter König Lemuel, der uns nur hier begegnet und über den weiter nichts bekannt ist, mit diesen Worten.

Opfer und Verlassene durch die Tyrannei des Nationalsozialismus waren neben Jüdinnen und Juden z. B auch Homosexuelle, Sinti und Roma, Geistliche, Sozialdemokraten und auch Kommunisten.

In der sechzehnten Leeraner Gedenkveranstaltung wurden die Lebensbeschreibungen der örtlichen Kommunisten im Ganzen sowie exemplarisch als Opfer und Verlassene in Einzelgesprächen mit Frau Pastorin i. R. Christine Kimmich gewürdigt.

Der Bürgermeister a. D. und Vorsitzende der Christlich-Jüdischen Gesellschaft in Ostfriesland e. V. Wolfgang Kellner wies auf den Reichtagsbrand hin, der dem Niederländer Marinus van der Lubbe unbewiesen zur Last gelegt wurde. Die am 28. Februar 1933 einen Tag später erlassene „Reichstagsbrandverordnung“ gab den Auftakt auch zur Verfolgung von Kommunisten, von denen in der Folgezeit Zehntausende ermordet, hingerichtet oder inhaftiert wurden. Auch durch die enge Zusammenarbeit zwischen der NSDAP und den politischen Repräsentanten im Landkreis Leer wurden hiesige Kommunisten bedroht und verfolgt. Der damalige Landrat des Landkreises Leer, Hermann Conring, unterzeichnete Schutzbefehle und beantragte beim Regierungspräsidenten die Verhaftung und Überstellung von Kommunisten in Konzentrationslager (so z. B. in das KZ Börgermoor).

Frau Dr. Ute Voigts schilderte exemplarisch die Biographie eine Familie aus Leer-Loga, die auf Grund ihrer kommunistischen Einstellung auch durch die Nachbarschaft drangsaliert und ausgegrenzt sowie behördlicherseits verhaftet wurde.

Die Enkelin Frau Merle Flessner schilderte beeindruckend das Martyrium ihres Großvaters Klaas-Frerich Grensemann und seiner Familie.

Klaas-Frerich Grensemann war in der Weimarer Republik Mitglied der KPD, wurde nach mehreren Hausdurchsuchungen 1937 verhaftet und 1938 wegen Vorbereitung zum Hochvorrat zu drei Jahren Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Nach seiner Entlassung wurde er 1943 auf Grund eines Sonderbefehls zur Wehrmacht eingezogen und kam an die Ostfront. Seit 1944 galt er las vermisst; 1951 wurde er für Tod erklärt.

Im Vorwerkerweg 20 in Emden-Hilmarsum erinnert ein 2015 verlegter „Stolperstein“ an Klaas-Frerich Grensemann.

                            

Wolfgang Kellner, Dr. Ute Voigt und Merle Flessner jeweils im Gespräch mit Christine Kimmich

Dass der an König Lemuel gerichtete mütterliche Appell, den Mund für die Stummen, die sich nicht mehr wehren können, aufzumachen, auch heute noch aktuell ist und von jungen Menschen aufgenommen wird, stellten abschließend Anna Tietjen und Neele Fokken vom Teletta - Groß - Gymnasium Leer vor. Das von Schülerinnen und Schüler des TTG initiierte Projekt „Auf den Spuren unserer ehemaligen jüdischen Mitbewohner“ ist ein Wegbegleiter durch das „jüdische Leer“ und gibt in beispielhafter Weise den Opfern und Verfolgten eine Stimme.

Anna Tietjen und Neele Fokken m m m Hier geht es zu den verborgenen Schätzen der Leeraner Altstadt

[1] https://www.jewiki.net/wiki/Tag_des_Gedenkens_an_die_Opfer_des_Nationalsozialismus


 

Website Erstellung durch OSG neue Medien mbh, Oldenburg