Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland e. V.

Herr Wolfgang Kellner stellte sein Buch vor „Verfolgung und Verstrickung - Hitlers Helfer in Leer“

Eine Nachbetrachtung von P. Bonhagen

Mit 200 Anwesenden war der Festsaal des Historischen Rathauses Leer vollständig besetzt, als der Bürgermeister a. D. und Vorsitzende der Christlich-Jüdischen Gesellschaft in Ostfriesland e. V. (GCJZ), Herr Wolfgang Kellner, sein Buch der Öffentlichkeit präsentierte.

Der vollbesetzte Festsaal des Leeraner Rathauses

EINFÜHRUNGSWORTE Herr Bruno Schachner, stellvertretender Bürgermeister der Stadt Leer und zugleich Vorstandsmitglied der GCJZ, stellte in seinem Grußwort fest, dass es aktuell in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen en vogue ist, Erinnerungskultur mit der Kehrtwende: - es muss auch mal gut sein - zu begegnen. Aber für den ehemaligen Bürgermeister Wolfgang Kellner waren während seiner dreizehnjährigen Amtszeit Themenbereiche wie die Gestaltung des Synagogenplatzes, die Gedenkveranstaltungen zum 09. November und die Etablierung der Jüdischen Wochen in Leer sowie die Förderung des Archivpädagogischen Modells zur Prävention gegen rechtsextremistische Tendenzen bedeutsam. Diese Schwerpunktsetzung wurde und wird auch im Ausland registriert, was Herr Schachner mit folgendem schriftlich zugegangenen Grußwort von Max Grünberg aus Israel dokumentieren konnte:

„Heute Abend sind sie hier versammelt, um mehr über die fast vergessenen Opfer der NS-Zeit in Leer zu erfahren, wie zum Beispiel Kommunisten, so genannte "Asoziale" und Zwangssterilisationen. Sie werden auch Namen von Leuten hören, die unter dem Hitler-Regime gedient haben, die vielleicht noch Nachkommen haben, die in Leer und Umgebung leben. Ich muss Herrn Kellner dafür danken, dass er sich den Mut genommen hat, hier vor Ihnen zu stehen und persönliche Details über einige von Hitlers Unterstützern in Leer mitzuteilen. Auf diese Weise werden historische Aufzeichnungen öffentlich gemacht, andererseits geht Herr Kellner ein Risiko für sein Privatleben und seine Familie ein, wohl wissend, dass Neo-Nazis im heutigen Ostfriesland Herrn Kellner oder Familienangehörige verletzen oder sogar angreifen können. Mein verstorbener Vater Albert Grünberg und seine Eltern Herman und Martha Grünberg mussten aus Leer fliehen, nur weil sie jüdisch waren. Aus persönlichen Erfahrungen meines Vaters kann ich nur versuchen, mich in die Lage von Herrn Kellner zu versetzen und die "Risiken" zu spüren, die er als Ergebnis seiner persönlichen Forschungsarbeit an die Öffentlichkeit bringt. Wir leben wieder in schwierigen Zeiten in Bezug auf die Zahl der Neo-Nazis, aber zumindest heute Nacht sind Sie alle über die Gefahren informiert, die diese Entwicklungen mit sich bringen. Ich wünsche mir, dass diese jetzt in Leer gemachte Forschung ein Beispiel für  andere Städte wird.“

Herr Professor Dr. Bernhard Parisius führte in seiner Laudatio aus, dass Wolfgang Kellner sich mit dem ausgewählten Thema nicht nur Freunde macht. Der Buchschwerpunkt, die im NS-Jargon so genannte  „Aktion Arbeitsscheu Reich“ , befindet sich auch bundesweit kaum im Blickfeld der historischen Forschung. Mit seiner Arbeit hat sich W. Kellner nicht nur auf Ostfriesland beschränkt, sondern vorhandene Literatur zur Geschichte der Verfolgung von Minderheiten herangezogen und seine Ergebnisse mit anderen Forscherinnen und Forschern ausgetauscht.

BUCHINHALT Wolfgang Kellner leitet seine Vorstellung mit den Feststellungen ein, dass er keinen Roman, sondern ein Sachbuch verfasst und dabei nicht die bewertende Sichtweise eines Staatsanwaltes oder Richters eingenommen hat. Wichtig sei ihm, die Menschen für heutige Rechtstendenzen sensibel zu machen. Aufgezeigt werden Verfolgungen von Menschen, die im Sinne der NS-Ideologie „Schädlinge im Volkskörper, Asoziale, Arbeitsscheue und/oder Querulanten“ waren und die Verstrickung darin von Organisationen und deren Führungskräften. Ausgangspunkt der Studie war ein Schreiben des Leeraners Bürgers Heinrich Ukena vom 04.20.1934, dass Wolfgang Kellner in seiner Amtszeit als Bürgermeister zufällig in die Hände fiel. In dem Schreiben kritisierte Ukena den damaligen Bürgermeister Erich Drescher wegen seiner Entscheidung zu den „Kaiserfenstern“ im Festsaal des Rathauses Leer beim „Herrn Reichsminister des Inneren“.Seine Kritik an den örtlichen Machthabern musste H. Ukena 1940 im Konzentrationslager Buchenwald mit seinem Leben bezahlen.

Die Details zum Fall Ukena, dessen Verwandten sich bei der Buchvorstellung im Rathaussaal befanden, sind exemplarisch in der Studie ebenso beschrieben wie die Entwicklung, die am 07.05.1933 zum Selbstmord des damaligen Bürgermeisters der Stadt Leer, Erich vom Bruch, geführt hat.

Wolfgang Kellner beleuchtet in mehreren Kapiteln die Rolle und Vorgehensweise der kommunalen Behörden und deren Führungskräfte wie z. B. dem Landrat des Landkreises Leer, Hermann Conring, dem bereits genannten Bürgermeister der Stadt Leer, Erich Drescher sowie den nicht zu unterschätzenden Denunzianten und Unterstützern, die in lokalen „Verfolgungsinfrastrukturen“ eingebettet waren.

Wolfgang Kellner bei seiner Buchpräsentation

FAZIT Mit der Studie zur Rolle der Kommunen und ihrer Führungskräfte an ausgewählten Beispielen hat Wolfgang Kellner keine „Gute-Nacht-Lektüre“ vorgelegt. Die empirisch aufgezeigten lokalen Bezüge, die Identifizierung und Offenlegung der Verfolgung und Verstrickung im nachbarschaftlichen Raum macht nicht nur Einheimische betroffen. Die Leserinnen und Leser werden damit konfrontiert, dass im Schatten des Leeraner Rathauses und somit in unmittelbarer Nachbarschaft zwischen 1933 und 1945 Täter und Verantwortliche, Handlanger und Zuträger gewohnt und gewirkt haben.

          

Großes Interesse, ein signiertes Buch vom Autor zu erhalten


 

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