Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland e. V.

Biografie: „Das Jahrhundert von Rosita“

Auf Einladung der Ehemaligen Jüdischen Schule (EJS) Leer und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland stellte die Historikerin und Journalistin Corinna Tonner ihre Biografie „Das Jahrhundert von Rosita“ am 31. Januar 2019 in Leer vor. Die Lesung war mit rund 70 Gästen so gut besucht, dass bis kurz vor Veranstaltungsbeginn noch zusätzliche Sitzplätze bereitgestellt werden mussten.

Susanne Bracht, die Leiterin der EJS, begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste und stellte die Autorin kurz vor: Corinna Tonner studierte an der Universität Hamburg und an der Victoria University of Manchester Neuere Geschichte mit Magister-Abschluss. Von 1996 bis 1998 war sie Volontärin an der renommierten Journalistenschule Axel Springer und danach Redakteurin beim Hamburger Abendblatt. Seit 2007 ist sie freie Autorin unter anderem für Die Welt, Welt am Sonntag, Handelsblatt, Hamburger Abendblatt und Weser-Kurier. Sie lebt in Bremen und in Leer.

Corinna Tonner

Frau Tonner hat das Leben ihrer Großtante väterlicherseits recherchiert und als Biografie im Kellner Verlag veröffentlicht. Mit der Buchvorstellung wurden das 20. Jahrhundert und das bewegte Leben der Operettensängerin Rosita, die den Künstlernamen Warry führte, für das Publikum eindrucksvoll und spannend skizziert.

Die jüdische Operettensängerin Rosita Cohen wurde im Dreikaiserjahr 1888 in Hamburg geboren. Eine Verbindung von Rosita zu der ostfriesischen Stadt Leer besteht durch Rositas Mutter Sara Roseboom. Sie wurde in Leer geboren und lebte hier, bevor sie ihren Bräutigam Adolf Cohen in Hamburg heiratete. Rositas Großmutter ist Sette Roseboom, geb. Rosenstein, die auf dem jüdischen Friedhof an der Groninger Straße beerdigt ist.

Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Leer

Rosita wuchs im so genannten Hamburger Gängeviertel auf, dessen schmale Straßen, Gassen und Hinterhöfe derart verwinkelt waren, dass diese „Gänge“ auf dem Gebiet der heutigen Hamburger Innenstadt namensgebend wurden. Das Gängeviertel hatte eine hohe Bevölkerungsdichte und die Bewohner gehörten überwiegend der Arbeiterschaft an, die täglich um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen musste. Es war ein Halbweltviertel und "Zufluchtsort für Kriminelle, Huren und andere randständige Figuren". Der Arzt Robert Koch schrieb anlässlich der Choleraepidemie von 1892 an den Kaiser: „Eure Hoheit, ich vergesse, dass ich in Europa bin. Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie hier.“

Rosita, deren Leben auch später nicht streng halachisch ausgerichtet war, fühlte sich schon in jungen Jahren von den Konzerthäusern auf der Reeperbahn, die damals noch kein Rotlichtmilieu war, angezogen und machte zunächst in Deutschland als Operettensängerin Karriere. Im Sommer 1914 begab sie sich mit einem Operettenensemble in die niederländische Kolonie Indonesien. Der Erste Weltkrieg verhinderte ihre zeitnahe Rückkehr nach Europa und so blieb sie in Indonesien und fand dort ihre große Liebe. Einige Jahre später kehrte sie nach Europa zurück und lebte in der Heimat ihres Mannes, in den Niederlanden. Nach dem Einmarsch der Deutschen im Jahr 1940 geriet sie in Lebensgefahr, nur und ausschließlich weil sie Jüdin war. Zunächst schützte sie ihr Künstlername Warry, bis ein Verräter, ein so genannter „Judenjäger“, sie denunzierte. Im Gegensatz zu ihrem Bruder, der in Auschwitz ermordet wurde, überlebte Rosita die Schoah. Rositas Vermächtnis berücksichtigt das Simon-Wiesenthal-Zentrum.

v. l.: die Autorin Corinna Tonner und Susanne Bracht

Corinna Tonner hat in einer sehr anschaulichen Buchpräsentation mit vielen Bildern einen Einblick in das Leben einer Frau gegeben, die selbstbewusst ihren Weg gegangen ist, in der Operettenwelt ihre Paraderolle als „komische Alte“ fand und in der NS-Zeit in das KZ Theresienstadt deportiert wurde. Die Autorin ist gerne bereit, weitere Buchvorstellungen durchzuführen. Der Kontakt kann unter http://www.corinnatonner.de/ hergestellt werden.

    


 

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