Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland e. V.

Aus der Geschichte nichts gelernt

Vorsitzender der GCJZ Wolfgang Kellner

„Aus der Geschichte nichts gelernt“ hieß der Vortrag von Bürgermeister a.D. Wolfgang Kellner vor den Mitgliedern der GCJZ. Wolfgang Kellner befasste sich damit, welchen Folgen die Machtübernahme durch die Nazis 1933 im Landkreis Leer hatte. Er stellte dar, dass sofort die Verfolgung Andersdenkender und sog. Volksschädlinge begann. Die lokalen Behördenleiter wirkten dabei mit. Nach seiner Auffassung waren Antisemitismus und Rassismus schon lange vor dem 1. Weltkrieg  im Bewusstsein vieler Leeraner vorhanden. Insbesondere schilderte er die Strukturen der Verfolgung und Überwachung am Beispiel der Inhaftierung sog. Arbeitsscheuer im KZ Buchenwald und der im Kreiskrankenhaus vorgenommenen Zwangssterilisationen. In der anschließenden Diskussion stellten auch mehrere Zuhörer heraus, dass die Erinnerung an diese schlimme Zeit auch für die aktuelle politische Diskussion notwendig und nützlich sei. 

Gut gefüllter Veranstaltungsraum

 

Ehrenbürgerrecht der Gemeinde Rhauderfehn für

Herrn Albrecht Weinberg

 

 

„Lass mich mit dem Holocaust in Ruhe. Das ist über 70 Jahre her und somit lange Vergangenheit, mit der ich unmittelbar nichts zu tun habe.“

Eine Denkweise, die in der Gesellschaft durchaus anzutreffen ist und der man so oder in ähnlicher Form immer wieder begegnen kann.  

Als der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Ignatz Bubis, 1992 nach den blutigen Krawallen Rostock-Lichtenhagen besuchte, merkte ein lokaler CDU-Politiker an, dass Bubis hier nichts zu suchen habe, seine Heimat sei doch schließlich Israel[1].

Um so beeindruckender war es, als am 08. Januar 2017 mehr als einhundert geladene Gäste aus dem Rat, der Verwaltung und der Bürgerschaft der Gemeinde Rhauderfehn stehend applaudierten, als sich unser Mitglied der Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit Herr Albrecht Weinberg sichtlich bewegt nach vorne begab, um die Ehrenbürgerurkunde aus den Händen des Bürgermeisters Geert Müller in Empfang zu nehmen.

 

 

  In seiner Laudatio skizzierte Herr Geert Müller das Leben von Albrecht Weinberg:

„Albrecht Weinberg wurde 1925 als drittes Kind der jüdischen Familie am Untenende in Westrhauderfehn geboren. Sein Vater Alfred Weinberg betrieb hier einen Vieh-, Fell- und Schrotthandel. Die Familie führte hier ein geregeltes und geachtetes Leben.

Der 9. November 1938 war für die Familie Weinberg und auch für andere jüdische Familien ein einschneidendes Ereignis. Die Familie wurde auseinander gerissen. Albrechts Vater Alfred wurde in das KZ Sachsenhausen gebracht und kam erst im Februar 1939 nach Leer zurück. Sein Bruder Dieter kam noch im Dezember 1938 in eine Gartenbauschule in Ahlem, er selbst und seine Schwester Friedel kamen im Sommer 1939 in das Jugendlager nach Groß Breesen. Die Eltern blieben noch bis Februar 1940 in Leer; die Weinbergs gehörten zu den letzten Juden die Ostfriesland in Richtung Berlin verließen. Sie lebten dort mit anderen Familien in Berlin-Moabit in einem so genannten Judenhaus. Dieter Weinberg, der später auch nach Berlin gelangte, war im Februar 1943 das erste Familienmitglied, das nach Auschwitz deportiert wurde. Bei der so genannten Fabrikaktion wurde er direkt von der Arbeit abtransportiert. Eine Gelegenheit, sich von den Eltern zu verabschieden, hatte er nicht mehr. Im April 1943 kamen auch Friedel und Albrecht, die mittlerweile in einem Arbeitslager bei Berlin arbeiten mussten, ins Vernichtungslager. Alle drei Geschwister konnten das Martyrium überleben. Die Eltern Alfred und Flora Weinberg kamen im März 1943 zunächst nach Theresienstadt. Im Oktober 1944 wurden sie nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich gleich nach ihrer Ankunft umgebracht wurden.

Albrecht und Friedel Weinberg sind im Frühjahr 2012 ins Seniorenheim an der Heisfelder Straße nach Leer gezogen. Friedel ist im Jahr 2012 verstorben. Albrecht Weinberg ist seit vielen Jahren regelmäßig als Zeitzeuge insbesondere in Rhauderfehner Schulen unterwegs und berichtet über seine Lebensgeschichte. Nach Schilderungen der Schulleitungen sind die Schülerinnen und Schüler stets ergriffen und arbeiten das Thema im Unterricht auf. Es macht einen deutlichen Unterschied, ob etwas im Buch gelesen, im Fernsehen gezeigt oder persönlich geschildert wird, so die Erfahrung der Pädagogen. Nicht selten sind die Schilderungen von Albrecht Weinberg so beeindruckend, dass Schülerinnen und Schüler einen unmittelbaren Impuls verspüren aktiv für Menschenwürde, Demokratie und Toleranz einzutreten, um damit Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus und Gewalt vorzubeugen. Die Vorträge von Albrecht Weinberg stellen einen großartigen Beitrag zur Entwicklung des Demokratieverständnisses bei jungen Menschen dar.

Albrecht Weinberg und seine Familie haben schier unendliches Leid erfahren. Trotz dieser Lebenserfahrungen hat Albrecht Weinberg den Menschen in Rhauderfehn die Hand zur Versöhnung gereicht und geht in einer bewundernswerten Art und Weise auf die Menschen zu. Er legt eine Herzlichkeit an den Tag, die beeindruckend ist. Die Begegnungen mit ihm regen zum nachhaltigen Denken über Werte und Menschlichkeit an und haben die Haltung von nicht wenigen Rhauderfehner Bürgerinnen und Bürger beeinflusst. Er hat sich selbst mit Peinigern seiner Kindheit an einen Tisch gesetzt und die Hand zur Versöhnung ausgestreckt. Durch diese persönliche Aussöhnung verbunden mit dem aktiven Eintreten vieler Menschen für Werte wie Menschenwürde und Toleranz hat Albrecht Weinberg in hohem Maße dazu beigetragen, dass sich die heutigen Verantwortlichen in Rat, Verwaltung, Kirche, Schulen und anderen Organisationen der Gesellschaft der düsteren Geschichte ihrer Heimatgemeinde gestellt haben. Albrecht Weinberg hat sich damit besonders um die Gemeinde Rhauderfehn verdient gemacht.“

                             

 

Die Ehrenbürgerrechtsverleihung war auch ein Anlass, zu versuchen, sich die Umstände konkret vor Augen zu führen:

Albrecht Weinberg wird 1925 geboren, ist also bei der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 ein sieben Jahre alter kleiner Junge, der nunmehr Ausgrenzungen, Pöbeleien und Bedrohungen ausgesetzt wird und sicher auch nicht ansatzweise begreifen kann, warum dem so ist.

Ebenso kennt der elfjährige Albrecht sicher nicht die Verfügung über die Rassentrennung, aber ihm wird sicherlich schmerzlich bewusst, dass er zunächst ohne Eltern seine Fehntjer Heimat verlassen und in eine Schule in Leer gehen muss.

Gerade mal 14 Jahre alt, muss er Ostfriesland verlassen und wird in Groß Beesen (südlich von Eisenhüttenstadt an der Oder) an einer jüdischen Ausbildungsstätte   untergebracht.

Das weitere Martyrium ist von Geert Müller dargestellt.

Für Herrn Albrecht Weinberg war die Ehrenbürgerrechtsverleihung sicher auch eine späte Genugtuung. Für uns ist es Mahnung und Auftrag, die Erinnerung lebendig zu erhalten. Dazu zählen auch Gedenkveranstaltungen und die wertvolle Arbeit, politische Umstände, Biographien und Schicksale zu erforschen und öffentlich zu machen, damit deutlich wird, dass wir sehr wohl etwas damit zu tun haben und das auch diejenigen zu unserer Gesellschaft gehören, die nicht an Jesus aus Nazaret glauben.

Herr Albrecht Weinberg

mit der Ehrenbürgerrechtsurkunde

[1] Jüdische Allgemeine Wochenzeitung vom 05.01.2016, Seite 11


 

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