Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland e. V.

„340 Jahre jüdische Geschichte in Leer“

Frau Menna Hensmann, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland e. V. und beruflich Leiterin des Stadtarchivs Leer, erläuterte überaus kenntnisreich den Exkursionsteilnehmern „340 Jahre jüdische Geschichte in Leer“ an ausgewählten Örtlichkeiten der Leeraner Altstadt. Schwerpunkt ihrer Ausführungen waren die menschenverachtenden Vorgehensweisen der handelnden Personen in Leer in der Pogromnacht vom 09. auf den 10. November 1938 sowie den Tagen danach. Die Erläuterungen der Gesamtzusammenhänge der Vorgänge ergänzt durch anschauliche Schilderungen von bestialischen Einzelhandlungen führte allen Anwesenden das Unfassbare deutlich vor Augen.

Für alle waren die authentischen Anmerkungen und Ergänzungen des Zeitzeugen Albrecht Weinberg, der persönlich an der Führung teilnahm, eine Bereicherung. Er wurde 1925 in Westrhauderfehn geboren, 1936 als elfjähriger Junge von seinen Eltern getrennt und musste die Schule in Leer besuchen. Nach der Vertreibung aus Ostfriesland deportierten ihn die Nazis 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz. 1945 gelangt er mit den Todesmärschen nach Bergen-Belsen, aus dem ihn die Engländer am 15. April 1945 befreien.

Nach der Führung begaben sich die Teilnehmer in den Gemeindesaal der Großen Kirche, wo Herr Wolfgang Kellner als Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland Herrn Wolf-Georg von Eickstedt begrüßen konnte, der in seinen Ausführungen folgender Frage nachging:

„Die Juden und Jesus - Warum haben sie ihn nicht angenommen -“

Mit Herrn von Eickstedt als Referenten war es gelungen, einen überaus sach- und fachkundigen Fachmann einzuladen. Er absolvierte ein Studium der Theologie und Jüdische Studien an mehreren Universitäten, engagiert sich seit Jahren für den interreligiösen Austausch und ist derzeit Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hildesheim. In dieser Funktion führt er in der jüdischen Gemeinde Hildesheim auch Gottesdienste durch.

                                           

Herr von Eickstedt begann seinen Vortrag mit dem folgenden Gedicht von Erich Mühsam (06.04.1878 Berlin - 10. 07.1934 KZ Oranienburg):

Heilige Nacht

Geboren ward zu Bethlehem
ein Kindlein aus dem Stamme Sem.
Und ist es auch schon lange her,
seit’s in der Krippe lag,
so freun sich doch die Menschen sehr
bis auf den heutigen Tag.
Minister und Agrarier,
Bourgeois und Proletarier ­
es feiert jeder Arier
zu gleicher Zeit und überall
die Christgeburt im Rindviehstall.
(Das Volk allein, dem es geschah,
das feiert lieber Chanukah.)

Der Beantwortung der Ausgangsfrage, warum die Juden Jesus nicht angenommen haben, näherte sich Herr von Eickstedt in seinen Ausführungen überaus fachkompetent und detailkenntnisreich mit drei Fragestellungen aus jüdischer Sicht:

1. Was erwarten Juden vom Messias?

2. Wer war die historische Person Jesu aus jüdischer Sicht?

3. An wen richtet sich das Christentum?

Dabei einbezogen und zur weiteren Themenvertiefung empfohlen wurde von ihm folgende Literatur:

„Jesus von Nazareth. Seine Zeit, sein Leben und seine Lehre.“

Joseph Klausner, jüdische Religionswissenschaftler (*20.08.1874 †27.10.1958),

„Judas“ von Amos Oz, israelischer Schriftsteller und Großneffe von Joseph Klausner,

„Das Wesen des Judentums“ von Leo Baeck, deutscher Rabbiner (*23.05.1873 †02.11.1956).

Letztlich drückten auch die anschließenden Diskussionsbeiträge aus, was Martin Buber einmal vorgeschlagen haben soll:

„Alle warten auf den Messias. Christen glauben, dass er bereits gekommen und wieder gegangen ist und dass er einst wiederkommen wird. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten. Wenn er dann kommt, fragen wir ihn einfach: »Warst du schon einmal hier?« Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: »Antworte nicht«.“

Vita Wolf von Eickstedt hier klicken


 

Website Erstellung durch OSG neue Medien mbh, Oldenburg